Europa ist Viele

Der Europäische Gerichtshof EuGH hat kürzlich festgestellt, dass Ungarn 2015 gegen geltendes EU-Recht verstoßen hat und aktuell in einem anderen Fall verstößt (Az.: C-924/19, C-925/19). Wie viel Europäische Gemeinschaft, wie viel „Europa“ gibt es noch?

Ich freue mich, dass die Texterin und Diplom-Politologin Nadine Balazs, die sich selbst als „privilegierte Europäerin“ bezeichnet und dank EU-Freizügigkeit seit mehreren Jahren in verschiedenen Ländern wie Slowenien und den Niederlanden lebt, einen Gastbeitrag für meinen Blog geschrieben hat. Danke, Nadine.

Von Nadine Balazs

Europa ist Viele – von Flüchtlingen und der Identitätskrise eines Kontinents 

Wäre Europa eine Person, hätte sie eine hoch komplexe Persönlichkeitsstruktur. Um dies zu verdeutlichen, muss ich etwas ausholen und möchte euch auf einen kleinen Exkurs einladen. 

Artho und Veeta Wittemann begründeten die sogenannte Voice Dialogue Methode (auch Individualsystemik genannt), in der Menschen mit Hilfe eines geschulten Begleiters ihre verschiedenen Persönlichkeitsanteile kennenlernen. Durch die kurzzeitige vollständige Identifikation mit diesen ist es möglich, sich anschließend von ihnen zu lösen und sie dadurch anzuerkennen und anzunehmen.  

So entsteht nach und nach ein umfassendes Bewusstsein über die eigene Persönlichkeit. Diese Art der Erforschung unserer Psyche nimmt die präsentesten Persönlichkeitsanteile unter die Lupe, ohne zu bewerten – und schafft so auch immer mehr Raum für andere, im Alltag weniger präsente Anteile.  

Oft ist es so, dass sich die Persönlichkeitsanteile zum Schutz ausgebildet haben, als der Mensch noch jung und in irgendeiner Form von seiner Umwelt abhängig war. Erkennen die Anteile ihre Aufgabe, können sie dieser weiterhin nachgehen – nun jedoch in vollem Bewusstsein. So erlangt die Person immer mehr Wahlfreiheit bei ihren Handlungen. 

Zudem zeigen sich beim Voice Dialogue von Zeit zu Zeit auch kindliche Anteile, die bis ins hohe Alter in jeder Person weiterleben und je nach individueller Struktur mal vor der Welt geschützt und mal gezeigt, aber auch innerlich stark kritisiert werden können.    

Im folgenden Gedankenspiel möchte ich nun das Flüchtlingsdrama unserer Zeit mit Hilfe der Voice Dialogue Methode veranschaulichen. Ziel ist es nicht, die Methode dabei absolut korrekt darzustellen. Ich nutze sie als stilistisches Element, um der Logik von Europas Geschichte auf den Grund zu gehen und ein Verständnis für Europas Psyche zu schaffen. Dabei spielen folgende Persönlichkeitsanteile von Europa eine zentrale Rolle: 

  • Die westlichen Staaten, exemplarisch Deutschland 
  • Die Randstaaten, exemplarisch Griechenland  

Europa im Voice Dialogue 

Europa setzt sich nicht. Sie steht angespannt im Raum, schaut in alle Ecken und blickt mich dann argwöhnisch an. Ich entscheide, nicht Platz zu nehmen, obwohl ich so normalerweise meine Sitzungen beginne. Stattdessen schaue ich sie an. Ich darf nicht starren, das würde sie verschrecken oder erst richtig wütend machen. Nein, bei näherer Betrachtung wird Europa nicht wütend. Sie zieht sich einfach nur zurück.  

Dabei bleibt sie vor ihrem Stuhl stehen und verschränkt die Arme. „Ich bin Frankreich“, sagt sie dann tonlos. „Und ich weiß echt nicht, was der Scheiß hier soll.“ Doch aus irgendeinem Grund ist Frankreich der erste Teil, der sich offenbart. Und nun schützend vor Europa steht. Frankreich schirmt meine Blicke vom Stuhl ab, in den sich Europa noch nicht gesetzt hat. „Du hast wohl den schwierigsten Job hier“, stelle ich fest. Wie ein Fels steht Frankreich da und demonstriert trotzige Härte. „Und einen relativ einsamen.“ Obwohl ich regelrecht die kleinen Schäfchen sehe, die Frankreich um sich geschart hat. Doch partnerschaftlich wirkt das weniger.  

„Der einzige andere hier, mit dem man vernünftig reden kann, ist wohl Deutschland.“ Obwohl gleich klar wird, was Frankreich von Deutschland hält. Ein verächtlicher Blick nach hinten über die linke Schulter verrät alles. Wir können Deutschland im Prinzip nicht so recht ausstehen. Machen uns lustig, obwohl auch ein gewisser Respekt mitschwingt. Schwierig. Wirklich schwierig.  

„Geh doch mal dahin“, bitte ich Europa. Dazu muss sie die Identifikation mit Frankreich auflösen. 

Frankreich dreht sich also um, reibt sich die Augen und streckt sich.  

Dann nimmt Deutschland links neben dem Stuhl Platz. Zunächst aufrecht – doch ganz schnell schon sackt Deutschland in sich zusammen. „Puh, das ist echt anstrengend hier. Mit niemandem kann man so richtig reden. Und auch wenn ich pausenlos Europa ins Ohr brülle, hört sie mich entweder nicht … oder entscheidet sich trotzdem für die Untätigkeit. Richtig anstrengend. Dabei haben wir schon so viel geschafft! Und ich habe noch immer so viele tolle Ideen!“ Deutschland scheint richtig traurig zu sein. Die Worte spiegeln Verzweiflung, doch seine Haltung ist eigentlich nur kraftlos. Deutschland hat schon vor einiger Zeit aufgegeben. Nun steht es da und ist bloß noch ein Schatten seiner selbst. „Die Zuversicht von 2015 ist inzwischen wohl vorbei?“ frage ich. Deutschland nickt. „Flüchtige Menschen aufnehmen ist nicht nur meine Aufgabe“, sagt es. „Ich habe wirklich gedacht, wir schaffen das.“ 

Ich gehe auf die Resignation ein, die mir entgegenschlägt. 

„Wer hier im Raum – Europa mal ausgenommen – macht dich denn am traurigsten?“ frage ich Deutschland. Nach einiger Überlegung geht ein Blick langsam nach hinten. Obwohl der Raum bald schon zu Ende ist, geht der Blick noch viel, viel weiter. „Wer steht da?“ frage ich weiter.  

„England.“  

Oh, England.  

„England hat sich mit Großbritannien komplett von uns entfernt“, sagt Deutschland. Die traurige Stimmung wird schnell neutral. Deutschland ist geübt darin, zu einer melancholischen Starre zurückzukehren.  

„Ihr hattet sowieso nicht immer die beste Beziehung, was?“ frage ich überflüssigerweise. Deutschland schüttelt schuldbewusst den Kopf. „Sie hassen mich eigentlich immer noch alle.“ Ich fühle den Schmerz, den Deutschland geschworen hat, für immer mit sich herumzutragen. Aber so, wie Deutschland nun mal ist, kehrt es schnell zum gewohnt neutralen Zustand zurück.   

„Meinst du, wir können mal mit England reden?“ Deutschland zuckt mit den Schultern. Ich entlasse Europa aus ihrem Deutschland-Zustand und mache mich bereit für den nächsten Teil.  

Doch England hat gerade keine Lust.  

Stattdessen geht Europa in die andere Richtung, setzt sich in die Ecke und kauert sich zusammen. Ich bin gespannt, wer sich mir nun zeigen will und versetze mich in einen ähnlichen Zustand wie das kleine Wesen. Es muss ein Kind sein und Europa schon lange inne wohnen.  

Als mich das Kind anschaut, spüre ich seine Weisheit und bekomme eine Gänsehaut. Da ist etwas ganz Wichtiges, ja etwas Essenzielles in diesem Land.  

Aber im Moment gibt es nur Kritik von allen Seiten. Ich befürchte, Deutschland und Frankreich sind gerade ziemlich sauer, dass es sich überhaupt zeigt.  

„Hallo“, sage ich leise. Es sieht mich an, hat aber die Nase hinter den verschränkten Armen versteckt. „Hallo“, haucht das kleine Wesen. „Ich versuche mich gerade um all die armen Menschen zu kümmern, die bei mir gestrandet sind. Aber es wird immer schwieriger. Und es kommt einfach keine Hilfe“, sagt es nun etwas lauter.  

Ich frage, was seine Freunde denn tun sollten. „Zuerst mal zuhören. Immer wollen sie helfen, aber die Hilfe ergibt gar keinen Sinn. Sie schicken Dinge, die wir gar nicht brauchen.“ Es atmet tief ein, lässt die Arme fallen und macht den Rücken gerade. „Freunde würde ich die anderen Länder hier nicht nennen. Ich fühle mich sehr im Stich gelassen. Dabei war ich für Europa immer da. Seit der ersten Stunde.“ 

„Du bist Griechenland, nicht wahr?“ frage ich. Griechenland nickt. 

Schließlich findet Europa ihren Platz in der Mitte des Raumes. 

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